Krautreporter – eine Marke wie Kraut und Rüben

veröffentlicht von am Jun 26, 2015 in Brandrede | 3 Kommentare
Krautreporter – eine Marke wie Kraut und Rüben

Vor einem Jahr sind die Krautreporter, eines der wenigen bekannteren deutschen Start-ups im Bereich Online-Journalismus, mit großer Aufmerksamkeit und hohen Erwartungen gestartet. Ein Jahr danach Ernüchterung. Die Macher der Krautreporter bitten ihre Mitglieder um die Entscheidung: „Bleibst Du Krautreporter?“. Die Menschen im Netz antworten mit einem entschiedenen Vielleicht mit Tendenz zur Ablehnung. Schlimmer geht es nicht.

So weit hätte es nicht kommen müssen, wenn die Krautreporter nicht nur Geld gesammelt und Artikel geschrieben hätten, sondern von Anfang an konsequent an ihrer Marke gearbeitet hätten. Vielleicht ein Trost für sie: Die meisten Start-ups denken erst kurz vor der zweiten Finanzierungsrunde oder überhaupt nicht daran, dass es helfen könnte, wenn zahlende Kunden, Meinungsmacher und Influencer genau wissen, wer was für wen warum macht. Und mit Begeisterung darüber sprechen.

krautreporter_Entscheidung

Bildquelle: krautreporter.de

Gerade in Zeiten von Information Overload, immer flüchtiger werdenden Botschaften und Kanälen ist es wichtig, einen klaren Standpunkt zu haben und zu vermitteln, um ein stimmiges Bild in den Köpfen der Menschen zu erzeugen. Ansonsten stirbt das Unternehmen schneller als es gegründet wurde. Gut möglich, dass das auch für die Krautreporter gilt, wenn sie nicht sehr schnell an ihrer Marke arbeiten. Die Zitate sind ausgewählte Kommentare zur Frage von Falk Hedemann bei Facebook „Wer von euch unterstützt denn die #Krautreporter weiter und wer nicht? Was sind eure Gründe dafür?“.

Warum Marke?

Menschen brauchen Marken, um Entscheidungen zu treffen. Marken schaffen ein Gefühl der Zugehörigkeit und geben Orientierung in einer unübersichtlichen Welt. Bei einer guten Marke haben viele Menschen ähnliche Assoziationen. Sie schaffen Klarheit bei Entscheidungen. Und genau die verlangen die Krautreporter nun von ihren Mitgliedern.

Hab mich für die Graustufe entschieden.

Gunnar Sohn

Wenn man die Kommentare bei Facebook & Co. liest, wird deutlich, dass die Krautreporter ein sehr diffuses Bild nach außen zeichnen. Ambivalenz ist der Marke Tod. Vier Ursachen gibt es dafür:

Wo Crowd drauf steht, sollte nicht Kraut und Rüben drin sein

In der ersten Begeisterung Menschen und Investoren mitzunehmen ist für viele Start-ups noch einfach. Bei den Krautreportern waren das Menschen, die gerne gut recherchierte Geschichten lesen und die Idee eines gemeinschaftlich finanzierten Mediums sympathischer fanden als das einer werbefinanzierten Verlagsheuschrecke. Sie hatten wahrscheinlich auch einfach Lust auf etwas Neues. Die Anfangseuphorie trägt allerdings nur auf den ersten Metern.

Habe bis heute auch keine Artikel in meiner Timeline gesehen, d.h. die Relevanz wurde mir auch aus meinem Netzwerk nicht aufgezeigt.

Stefan Hoffmeister

Was es dann braucht ist eine starke Community, die nicht nur liest, sondern auch aktiv teilt. Das tun Menschen aber nur, wenn sie echt überzeugt sind, von dem was sie gelesen haben und mit der Plattform verbinden. Außer es handelt sich um Cat-Content, aber das war ja nicht das Geschäftsmodell. Erste Lektion digitaler Marken: Den Dialog mit der Community suchen. Insbesondere wo Crowd drauf steht, darf nicht Kraut und Rüben drin sein.

Wer anders sein will, muss etwas anders machen

Vor einem Jahr waren die Macher von Krautreporter angetreten, eine andere Art von Journalismus zu betreiben, etwas zu reparieren, was angeblich kaputt war. Allerdings hat sich mir und vielen anderen Usern nie genau erschlossen, was nun anders ist. Die Plattform ist nicht werbefinanziert ist, sondern durch Mitglieder. Bei anderen Medien heißt das Abo. Neu ist das nicht.

Auch die Geschichten wurden nicht neu erzählt. Das klassische Format „Reportage“ ist vorherrschend. Andere Erzählformen haben nicht Einzug gehalten.

Ich habe ganz ehrlich keinen Mangel an guten Geschichten mehr auf meinen Leselisten, von Redaktionen quer über den Globus verteilt.

Jürgen Vielmeier

Auch inhaltlich waren die Geschichten nicht besser als andere. Keine der Stories hat es auf die Nominierungsliste des Grimme Online Award geschafft. Sie wollten sich an Qualität messen lassen und sind damit gescheitert. Thomas Knüwer beschreibt das sehr schön in seinem Artikel „One does not simply criticise Krautreporter

Sich „anders“ aufs Label zu schreiben genügt nicht. Wer anders sein will muss das für Außenstehende erlebbar machen.

Es geht nicht darum, was du machst, sondern was du bewirkst

Meine Tochter fragte mich, wofür steht Krautreporter eigentlich? Gute Frage! Es ist in einem Jahr nicht gelungen, eine schlüssige Idee zu vermitteln, wofür die Krautreporter antreten. Jede Erklärung auf der Webseite beinhaltet Zahlen, Daten Fakten: Wie viele Menschen Artikel schreiben, wie viele Artikel veröffentlicht wurden, wann der Newsletter verschickt wird. Reason why? Fehlanzeige!

Grundsätzlich zahle ich nur für Dinge, die ich auch gern nutze. Da bin ich leider eigen.

David Maciejewski

Warum heißen die Krautreporter Krautreporter? Warum tun sie, was sie tun? Was wollen sie bewirken? Was haben sie bewirkt? Was habe ich als Leser bzw. Mitglied, von der Plattform Krautreporter? Das Herzstück einer jeden erfolgreichen Markengeschichte wird nicht erzählt.

Menschen machen Marken

Nach Jeff Bezos ist Marke das, was andere über dich sagen, wenn du den Raum verlässt. In der Konsequenz bedeutet das, dass Marke immer auch der Spiegel der Handlungen, Aussagen und Entscheidungen ihrer Macher ist.

Das nützt ja nichts, wenn die führenden Personen in eine Richtung marschieren, die mir nicht gefällt. Und dazu muss ich auch kein zweites Jahr abwarten. Das sehe ich schon an Sebastian Essers ausführlichen Post, dass das nicht in die Richtung geht, die ich mitgehen würde.

Jan Tißler

Das Bild, das die Krautreporter nach außen tragen ist eng verbunden mit den Äußerungen und dem Verhalten von Krautreporter-Geschäftsführer Sebastian Esser und -Chefredakteur Alexander von Streit. Es ist ein diffuses Bild, in dem sich fehlende Kritikfähigkeit mit enttäuschten Erwartungen und einer unklaren Perspektive mischt. Eine erfolgreiche Marke und damit ein erfolgreiches Start-up beginnt im Unternehmen, bei den Mitarbeitern und den Führungspersönlichkeiten. Wer macht was für wen warum? Wenn die Krautreporter diese Frage schnell beantworten und erlebbar machen, dann gibt es eine Zukunft für sie. Die Konkurrenz schläft nicht.

3 Kommentare

  1. Martina Bergmann
    26. Juni 2015

    Und eine wirft endlich den ersten Stein: Wider das digitale Strebertum.

  2. Kiki
    26. Juni 2015

    Ich bin von diesem toten Pferd vor vielen Monaten enttäuscht abgestiegen. Bei der Mitgliederumfrage vor ein paar Monaten habe ich noch ausführlich geschildert, was alles kaputt und ärgerlich ist.

    Geändert wurde nichts, im Gegenteil, die Arroganz ist ungebrochen, Zitat: „Es gibt aber auch die, die uns scheitern sehen wollen. Die nach wenigen Monaten schon zu wissen glauben, dass unabhängiger, werbefreier Journalismus, finanziert nur von seinen Lesern, eine Illusion ist.“ – Hallo? Nach wenigen Monaten? Ein Jahr lang haben wir uns das Rumgehühner angeschaut, als zahlende KundInnen. Üblicherweise gibt’s Welpenschutz für 100 Tage. Probeabos bei normalen Zeitungen gehen über 4 Wochen, die Probezeit in einem Job dauert 6 Monate, es sei denn, man ist Fussballbundesligatrainer. Wer es nach einem Jahr nicht geschafft, ein schlüssiges Konzept auf die Beine zu stellen, die vollmundigen Versprechungen zumindest ansatzweise einzulösen, der kriegt halt leider keine Vertragsverlängerung.

    Die Qualität weiterhin ist null erkennbar, und im jüngsten Bettelbrief von Esser sollen die zweifelnden Erstfinanzierer dann noch mit der Aussicht auf eine eigene App geködert werden – als hätte der Laden nicht schon genug sinnlos Geld verbrannt (Stichwort: völlig unbenutzbare, aber teuer extra programmierte Website).

    Nee, das war nix.

  3. Urs E. Gattiker - DrKPI
    29. Juni 2015

    Liebe Maren

    Die Resultate der Marke sind diffus….

    Und wenn die Krautreporter den Raum verlassen, wissen die Kunden auch nicht genau, wie man den Brand in einem Satz beschreiben könnte (Brand = „…was andere über dich sagen, wenn du den Raum verlässt.“ ).

    Schade…. und ja, bin gespannt ob hier noch was geschieht um das Überleben der Webseite zu sicher.
    Danke
    Urs

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