Systematisch Kaffeetrinken: Eine Strategie der Job- und Auftragsfindung

veröffentlicht von am Apr 17, 2012 in Marketing Blend | 2 Kommentare
Systematisch Kaffeetrinken: Eine Strategie der Job- und Auftragsfindung

Eine „gute“, angemessene Suche nach dem einen passenden Job unterscheidet sich heutzutage in der Regel kaum von dem, was Unternehmer und Freiberufler treiben, wenn sie für neue Aufträge ins Feld ziehen.

Gerade im Zeitalter von Jobbörsen wie Monster.de, Stepstone.de usw. und Social Networks fühlen sich so manche Akademiker und Führungskräfte bei der Jobsuche überfordert. Denn: Expertentum und berufliche Professionalität haben sie gelernt, einen Jobwechsel professionell zu gestalten allerdings nicht.

Die einschlägigen Ratgeber und viele Bewerbungsportale fokussieren nach wie vor viel Aufmerksamkeit auf die klassische Bewerbung, wobei diese heute natürlich online geschieht. Mittlerweile gibt es sogar Assessment-Center online.

Allerdings: Ein großer Teil der Jobs wird eben nicht über den offenen, jedem zugänglichen  Stellenmarkt besetzt (analog: ein großer Teil von Aufträgen für Freiberufler und KMU wird eben nicht offen ausgeschrieben). Der Anteil des verdeckten Stellenmarktes beträgt in Deutschland (je nach Studie) zwischen 50-70 Prozent. Und natürlich finden sich die lukrativsten und spannendsten Stellen (analog: Aufträge) oftmals genau hier. Sie entstehen förmlich im Feld der Branche von Mitbewerbern, Kunden, Lieferanten und anderen Experten des jeweiligen beruflichen Umfelds. Das liegt auf der Hand, ist aber für viele doch überraschend, denn die klassische (Online-)Bewerbung ist das meist propagierte Standardverfahren.

Erst kürzlich fragte mich nach dieser Information einer der Jobwechsler:

„Schöne Erkenntnis, Herr Hahn, aber wie finde ich denn jetzt eine Stelle auf dem verdeckten Arbeitsmarkt?“.

„Einfach Kaffeetrinken!“ lautete einer meiner Tipps.

„Ja, wie jetzt?!“

„Der Schlüssel zum Erfolg bei der Suche nach dem Job  sind informelle Gespräche, quasi beim Kaffee.“

„Na, klar. Ich trinke eine Tasse Kaffee und – Schwuppdiwupp – habe ich den Traumjob?!“

Ja und nein. Ganz so einfach ist das natürlich nicht. Das ganze muss systematisch geschehen. Die Strategie des „Systematischen Kaffeetrinkens“ sozusagen. In vielen kurzen Gesprächen geschieht ein anscheinend zwangloser Austausch zu fachlichen Themen – gewürzt mit persönlichen Elementen. Das Thema der Jobsuche (oder analog: des Auftrags) hat quasi beiläufig seinen Platz.

Weg vom Vorstellungsgespräch. Vorstellung bedeutet Rollenspiel, festes Drehbuch, Inflexibilität, die Regie hat ein anderer. Das Ganze ist reaktiv. Im Gespräch konzentriert man sich auf Defizite!

Hin zum Expertengespräch, Informationsgespräch. Das bedeutet gleichberechtigter, spontanerer  Austausch, das Gegenüber hat einen fachlichen und persönlichen Nutzen. Das ist dann aktiv und ressourcenorientiert!

Damit diese Strategie allerdings Erfolg bringt, bedarf es allerdings systematischer Vorbereitungen, u.a.

  • Sorgfältige Analyse der eigenen Fähigkeiten
  • Das Kennen der eigenen Ziele und Interessen
  • Intensive vorherige Auseinandersetzung mit meinem Gegenüber („Was könnte ihm nutzen? Wie kann ich ihn bereichern?“)
  • Erstellung eines Gesprächsskripts bzw. Fragenkatalogs

Dass solche Expertengespräche – beim Kaffee – nützlich sind, spürt mein Gesprächspartner meist sofort. Relativ schnell kommt allerdings die skeptische Frage: „Wie komme ich denn an solche Gespräche überhaupt ran? Kann ich das denn überhaupt?“

Die Antwort lautet „Ja! Das geht“. Auch das funktioniert mit systematischer Vorbereitung, durch das Anlegen und Nutzen von Listen der Menschen, die mir beruflich oder privat in meinem Leben bisher begegnet sind. Wichtigster Tipp: Diejenigen, mit denen ich nicht sprechen möchte: Aufschreiben und sofort wieder durchstreichen. Die übrig Gebliebenen dürfen kontaktiert werden.

Freunde von Excel-Tabellen kommen dabei auf ihre Kosten. Modernere Zeitgenossen nutzen dabei soziale Netzwerke wie XING und LinkedIn.

Entscheidend ist, dass Gespräche mit Menschen geführt werden, die ich (zumindest virtuell) bereits kenne und dass ich auswähle, mit wem ich sprechen möchte.

Wichtigste Erkenntnis: Ein nettes Gespräch beim Kaffee führen Menschen gerne. Wenn sie das Gefühl haben, als Gesprächspartner ernst genommen zu werden. Dann helfen die meisten sogar gerne auf dem Weg zum nächsten Job (analog: Auftrag).

P.S. Das Ganze funktioniert sogar prima mit Espresso. Alternativ geht auch Mineralwasser oder Chinatee.

 

Lars Hahn ist leidenschaftlicher Kaffeetrinker und Geschäftsführer der LVQ Weiterbildung gGmbH. Neben Weiterbildungen für Akademiker und Führungskräfte im Jobwechsel finden in der LVQ Karriereberatung und Neupositionierung statt. Lars Hahn weiß aus eigener Erfahrung, dass sich viele Lösungen für die Berufsschmerzen beiläufig bei einem netten Gespräch finden.

www.lvq.de

 

2 Kommentare

  1. Peter Maibach
    8. März 2013

    Toll Herr Hahn,
    ich bin unbedingt für mehr Kaffeetrinken! Doch der etwas ‚inflationäre Gebrauch‘ des Wortes ‚allerdings‘, deutet schon auf manch Haken hin: „Damit diese Strategie allerdings Erfolg bringt, bedarf es allerdings systematischer Vorbereitungen..“
    Im Kern geht es hier wohl um ein Plädoyer ‚zurück zur alten Dialogkultur‘ in Zeiten digitaler Selbstbefriedigung und möglichst „effizient“ genutzter Arbeitszeit, die nicht selten bis an die burn-out-verdächtige Schmerzgrenze reicht.
    Diese Einsicht – und daraus resultierenden Praxis – ist bei den (HR)-Entscheidern/ Geschäftsführern wohl noch nicht angekommen und insofern ist es ein hübscher Titel eines Posts, aber leider Meilenweit von der Realität entfernt.
    War schön mal drüber geredet zu haben ;-)
    LG PM

  2. Lars Hahn
    8. März 2013

    Vielen Dank Herr Maibach, es sind mir in der Tat viele „allerdingse“ in den Text gerutscht. Allerdings würde ich daraus nicht schließen, dass der Weg nicht funktionieren kann. Bei mir jedenfalls – und bei vielen Absolventen unserer Weiterbildungen, allesamt Akademiker und Führungskräfte auf Jobsuche – läuft das gut.

    Wenn Sie heute manche Menschen fragen, wie sie an ihren neuen Job gekommen sind, so war es eben nicht die Bewerbung, sondern quasi „Zufall“. Wenn Sie aber hinschauen, was diese Menschen getan haben, so war es meistens das eifrige Führen von Gesprächen mit Branchenkollegen, Freunden, Verwandten, potentiellen Kollengen, Arbeitgebern, Trainern in der Weiterbildung etc. Bisweilen unsystemtatisch, manchmal auch mit System.

    Natürlich steht jedem offen, diesen Weg zu lassen und den klassischen Weg der Jobsuche zu gehen. Bewerbungen zu schreiben und auf Stellenanzeigen zu antworten funktioniert ja durchaus auch. Der skizzierte Weg eröffnet nur zusätzliche Möglichkeiten.

    Allerdings sollte man ihn mögen! ;-)

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